Von Keyvan Dahesch (Frankfurt a. M.)
"Jeder Turm ist einem der russischen Siege gewidmet", erklärt Anna Kaprova. Mit ihrer Hand weist die Stadtführerin zur berühmten Moskauer Basiliuskathedrale, danach beschreibt sie detailliert die zwölf Türme des Gotteshauses. Untergehakt von ihrer Assistentin Nastija führt Anna Kaprova die Besuchergruppe zu weiteren Sehenswürdigkeiten der russischen Hauptstadt und schildert Historie und Architektur. Das Besondere an der Frau mit den kurzen blonden Haaren? "Anna Kaprova ist die einzige ausgebildete Stadtführerin in Russland, vermutlich sogar weltweit, die nicht sehen kann", erzählt der Leiter des Moskauer Lehrzentrums für blinde und sehschwache Menschen, Sergej Wanschin.
Seit fast 30 Jahren ist die zweifache Mutter blind, bereits als junges Mädchen begann die Sehkraft der heute 55-Jährigen nachzulassen. So wechselte die Russin damals von der Regel- in eine Blindenschule. Anschließend begann sie ein Philosophiestudium an der Universität Moskau. Nach ihrem Abschluss machte Anna Kaprova ihr Hobby, die Architektur, zum Beruf und ließ sich zur Stadtführerin ausbilden. "Die theoretischen Kenntnisse hat sie anhand der umfangreichen taktilen Modelle und Karten in unserem Zentrum vertieft", berichtet Wanschin. Kaprova kennt Moskau wie ihre Westentasche und gibt den Touristen jede gewünschte Auskunft.
"Neu entstandene Wohngebiete gehe ich mit meiner Assistentin ab, lasse mir alles beschreiben. Wenn immer möglich, ertaste ich sie. Wenn das nicht geht, lasse ich mir tastbare Zeichnungen erstellen, die ich fühle und mir einpräge", berichtet Kaprova über ihre Arbeitsweise.
Nebenbei hält sie an der Uni Moskau Vorlesungen über die Architektur ihrer Heimatstadt. Außerdem arbeitet die viel Beschäftigte an einem Buch über die Ursprünge ihrer Familie. Ihre Großmutter Ida Rotenberg stammt aus Deutschland.
Das Engagement Kaprovas ist ein Beispiel für interessante Berufe schwerstbehinderter Menschen, die Russland als Partnerland der weltweit größten Messe für Menschen mit Behinderungen, Hilfsmittel und Pflegebedarf - der RehaCare International - vom 23. Oktober an vorstellt.